Die Welt mit den Augen eines Kindes zu sehen, heißt, sie zu begreifen, ohne sie verstehen zu müssen.
Lange bevor Kinder erwachsen werden und sich die Welt primär über ihren Verstand erschließen, begreifen sie die Dinge im Wortsinn mit ihren Händen, um einen Eindruck von ihnen zu bekommen. So oberflächlich dieser Unterschied zu sein scheint, so tiefgreifend ist er doch. Denn Kinder begreifen die Welt zuallererst mit ihrer Seele.
„Man sieht nur mit dem Herzen. Das Wesentliche ist für die Augen unsichtbar.“ verrät der Fuchs dem kleinen Prinzen, nachdem sie sich miteinander vertraut gemacht haben.
Als ein Kind aus einem Berliner Kindergarten gefragt wurde, ob in seiner Einrichtung auch viele Ausländer seien, antwortete das Kind nach kurzem Nachdenken: „Nein, nur Kinder.“. Dieser offene, unvoreingenommene Zugang zur Welt ist nur über das Herz möglich.
Denn das Wesentliche, dessen Stamm das Wesen ist, ist doch, dass es alles Kinder sind. Erst der Verstand kategorisiert, unterteilt und bewertet die Wesen, welche dem Herzen nach alle gleich sind.
Das Kind, welches die Welt begreift, weiß ebenso intuitiv um den Kreislauf des Lebens. Es weiß, dass wir kommen und gehen und dass wir, wenn wir gegangen sind, unsere Spuren im Leben gelassen haben und so in den Herzen der Hinterbliebenen weiterleben.
Der Erwachsene aber, der sich Kraft seines Verstandes um ein Verständnis des Lebens und des Todes bemüht, wird scheitern. Denn das Wesentliche ist für die Augen unsichtbar.
Warum, frage ich mich, verlieren wir diesen Begriff der Welt und entwickeln ein Verständnis von ihr? Ich vermute, es liegt an der Ausbildung des Ichs während des Heranwachsen des Kindes zum Jugendlichen. Die zunehmende Erfahrung des Zerfallens in Selbst und Umwelt der bislang als Ganzes erlebten Welt erzeugt Angst im Kind. Und diese Angst fordert den Verstand, da die Seele ihr gegenüber ohnmächtig ist.
Wie aber können wir unsere Seele ermächtigen, die Angst vor der Trennung von der Welt zu besiegen? Ich denke es ist die Urerfahrung der Geburt, die sich als Vertreibung aus dem Paradies spiegelt, welche der stets wiederkehrende Auslöser für die Angst in uns ist.
Wenn wir uns aber in der Welt fühlen, geborgen, sicher und als Teil des großen Ganzen - hat die Angst dann noch immer Macht über die Seele? Ist es nicht so, dass wir die Schönheit und den Zauber der Welt begreifen, wenn wir in Frieden einen Sonnenuntergang bewundern oder stille Zeugen des Wunders der Geburt werden?
Und auch der Volksmund weiß um den unmittelbaren Zugang des Kindes zur Welt. Ein altes Sprichwort lautet: Kindermund tut Wahrheit kund. Erscheint es nicht paradox, dass die begreifende Seele die Wahrheit erkennt, wo genau dies doch der Verstand stets für sich beansprucht? Doch es sind die tieferliegenden, allgemein gültigen Wahrheiten, um welche die Seele weiß. Eben dass der Tod ein Teil des Lebens ist und nicht von ihm getrennt betrachtet werden kann.
So lebt das Kind im Begriff des Hier und Jetzt und dadurch zugleich in der fortdauernden Ewigkeit allen Seins.