Den Tod zu überwinden, hieße die Erde am Kreisen zu hindern.
Wenn immerzu Milch und Honig flössen, welchen Wert hätten sie dann noch? Wenn mir nichts und niemand mehr passieren könnte, welches Abenteuer gäbe es dann noch für mich?
Wie selbstsüchtig und größenwahnsinnig müßte ich sein, um unsterblich sein zu wollen?
Nur wer begreift, wie flüchtig das Leben ist, weiß es in seiner Gänze zu schätzen. Die Zeit, die uns bemessen ist, wer kennt ihre Spanne und wer mag sie kontrollieren können wollen? Was käme als Nächstes? Nun da wir unsterblich wie die Götter sind, laßt uns entscheiden, wer auf diese Welt kommen darf? Sollten wir nicht unendlich dankbar sein, dass wir, wie SEEED es singen, das Ticket, die goldene Karte bekommen haben für den Universal Roller-Coaster-Flow, einfach so, einhundert Jahre und mit jedem Sonnenaufgang beginnt das Leben neu?
Die Erde dreht sich und mit ihr das Rad des Lebens. Alles entsteht und vergeht im ewigen Kreislauf. Ohne Nacht kein Tag. Ohne Winter kein Sommer. Ohne Tod keine Geburt. Denn den Tod zu überwinden, hieße das Lebendige selbst anzuhalten im ewigen Status Quo. Es entstünde eine immerwährende Langeweile, die nie wieder aufzulösen wäre. Es wäre die Geburt des Tartaros auf Erden.
Wenn wir ewig lebten, würde das nicht auch Tür und Tor für ewige Prokrastination öffnen? Da wir ewig lebten, was hinderte uns daran die Verfolgung unserer Lebensziele von einem auf den nächsten Tag zu verschieben? Wir hätten ja unzählige davon. Das Leben erhält seinen Wert durch seine Zerbrechlichkeit, durch seine Flüchtigkeit und durch seine Verletzlichkeit. Das kollektive Unbewußte weiß das schon seit Ewigkeiten: Wer nicht wagt, der nicht gewinnt. Doch welches Wagnis könnten wir noch eingehen, nun, da uns nichts mehr passieren könnte?
Und plötzlich wären wir wie Estragon und Wladimir, die in der Ödnis stehen, im Schatten einer kahlen Existenz, wartend auf ein Versprechen, das sich nie erfüllt. Nur dass unser Godot längst gekommen ist – der Tod ist besiegt – und dennoch ist da keine Erlösung, kein Sinn, nur ein endloser Tag, der dem nächsten gleicht.
In „Warten auf Godot“ offenbart sich die grausame Ironie ewiger Erwartung: Nicht das Eintreffen des Ersehnten macht uns lebendig, sondern die Begrenztheit der Zeit, die uns drängt, etwas zu tun, zu fühlen, zu entscheiden.
Wenn alles immer sein kann, wird nichts mehr wichtig. Wenn nichts vergeht, kann auch nichts wachsen.
Die Unsterblichkeit, so sehr sie in der Phantasie glänzt, entpuppt sich im Licht des Denkens als leeres Versprechen. Kein Trost, keine Freiheit, sondern ein Käfig ohne Gitter – unendlich weit und ebenso bedeutungslos.
Reife, Weisheit und Größe aber werden aus Abschied und Verlust geboren.